Stimmen der Angehörigen

„Psychische Gesundheit aus der Generationenperspektive“ – das Thema des Jahreskongresses der Schweizer Psychiater und Psychiaterinnen, der im August in Basel stattfinden wird, ist Musik in meinen Ohren als Angehörige eines Menschen, der seit vielen Jahren mit einer psychischen Erkrankung kämpft.

Endlich sind auch die Angehörigen mit im Boot, wenn Fachpersonen neueste wissenschaftliche Erkenntnisse erörtern. Psychische Erkrankungen werfen ihren Schatten über die ganze Familie und machen auch nicht Halt vor Generationenstufen.  Weder mein erkrankter Bruder noch ich haben uns die Rolle eines von einer psychischen Erkrankung Betroffenen noch die einer Angehörigen freiwillig ausgewählt. Das Schicksal hat einfach zugeschlagen. Seine Erkrankung hat die Biographie unserer Eltern  und auch mein Leben stark geprägt. Auch meine Söhne waren als Kinder zeitweise verunsichert, wenn sie meinen sorgenvollen Blick spürten, meine Angst, dass auch sie erkranken könnten.

Pro Mente Sana bietet am Jahreskongress in Basel Betroffenen und Angehörigen die Gelegenheit, der Ärzteschaft ihre Anliegen, Anregungen oder kritischen Äusserungen in Form kurzer Videosequenzen kund zu tun. Diese einmalige Gelegenheit dürfen wir Angehörigen uns auf keinen Fall entgehen lassen! Deshalb liebe Angehörige, nutzt die Gunst der Stunde und schreibt uns, was Euch bewegt, was Ihr Euch für Euch und Eure erkrankten Familienmitglieder wünscht. Jede Stimme zählt!

Bloggerin: Sibylle Glauser


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3 Gedanken zu „Stimmen der Angehörigen“

  1. Meine Stimme ist ebenfalls die eines Angehörigen bzw. eines Ex-Angehörigen.
    Meine Mutter litt unter schweren Depressionen und lebte ungefähr die Hälfte ihrer Zeit auf Erden mit der Diagnose Schizophrenie. Ich habe mich bis jetzt noch wenig mit der Theorie der Krankheit auseinandergesetzt, da ich im direkten Betroffensein vermutlich schon genug von meinen eigenen Schlussfolgerungen und Gedanken mit mir herum getragen habe und die sich immer noch in meinem persönlichen Gepäck befinden.
    Mit ihrem Suizid vor sieben Jahren wurde mir auf gewisse Art und Weise eine ganz neue Freiheit und Unabhängigkeit, ja ganz und gar Friede geschenkt im Bezug auf mein direktes Mitleiden mit meiner Mutter.
    Ich möchte in diesem Kommentar nicht zu weit ausholen, aber eines soll gesagt sein: irgendwann war für mich und viele Angehörige meiner Familie klar, dass wir nichts mehr tun konnten. Es galt für uns alle, eigene Konsequenzen zu ziehen, um dann die Situation möglichst zum Wohle aller in „geregelten Bahnen“ auszuhalten. Für mich bedeutete dies beim Erreichen des 18. Lebensjahres, dass ich mich immer häufiger von ihr fernhielt, weil ich einerseits das Leid nicht mehr ertragen konnte und eben andererseits gewiss war, dass in ihren schlimmen Wahnzuständen keinerlei Hilfestellung möglich war. Sie wurde von Therapie zu Therapie, von einem Medikamentencocktail zum nächsten geschoben, ohne dass ihr dabei wirklich geholfen wurde. Ein Psychiater wechselte den nächsten ab und immer wieder wurde der Versuch unternommen, sie neu zu integrieren. Jeder Versuch scheiterte kläglich, ihre Krankheit war ein Fass ohne Boden.

    Dies anzuerkennen und sich daraus Schlüsse und Konsequenzen abzuleiten ist ein heikles, schwieriges und auch belastendes Unterfangen – aber vor seiner Offensichtlichkeit ein unabwendbares Übel.
    Symptome bekämpfen, Medikamente verabreichen, voreilige Schlüsse ziehen: darin sind wir vermutlich seit je her Meister. Aber ich spüre mehr und mehr, dass es bei der Krankheit meiner Mutter um mehr ging als nur physiologische Vor- oder Fehlgänge, die zu den schlimmen Auswirkungen führten. Da war etwas in ihrer Seele, in ihrem tiefsten Inneren, das mitwirkte am ganzen desaströsen Werk der Krankheit.
    Und ich glaube, dass wir auf behandelnder sowie auch auf gesellschaftlicher Ebene nicht in der Lage sind, dies zu erkennen und zu akzeptieren.
    Ich glaube, dass wir noch mehr tun können und müssen, um Menschen wie meiner Mutter einen Lebensrahmen, der auch Geborgenheit schenkt, zu geben. Dass unsere Gesellschaft per se automatisch kranke Menschen hervorbringt, ist mir zu kurz gegriffen. Aber dass wir es in der Hand haben, die Bedingungen zu ändern, wenn wir sehen und verstehen, dass gewisse gesellschaftssystemische Faktoren sich in gewisse Tendenzen einer Persönlichkeit einklinken und sich dies gegenseitig hochschaukelt, dann sollte es doch an uns sein, Strukturen und Räume zu schaffen, die einer Heilung oder zumindest einer möglichen Inklusion dienstbar sind.

    Psychisch kranke Menschen zu behandeln, mit ihnen zu handeln, ist ein Gemeinschaftsprojekt sondergleichen.
    Ich kann niemanden mit fertigen Rezepten und Konzepten dienen, wie solche Strukturen auszusehen hätten oder wie diese umzusetzen wären. Aber ich schöpfe Hoffnung, wenn ich z. B. erfahre, dass es die Peer-Ausbildung gibt und innerhalb dieser Trialoge stattfinden, die äusserst offen, aufgeschlossen und wohlwollend gegenüber den Teilnehmern sich darstellen. Wenn wir uns dazu entscheiden, Menschen mit einer psychischen Erkrankung die Möglichkeit zu erschliessen, sich auszubilden und anderen Menschen in ähnlichen Situationen beizustehen, dann ist wahrscheinlich ein äusserst wichtiger Schritt getan in eine heilsame Richtung.

    In diesem Sinne wünsche ich allen tragenden sowie gestaltenden Kräften hinter pro mente sana viel Durchhaltevermögen, Motivation, Innovation und vieles mehr. Ich glaube, es gibt keinen wichtigeren Dienst an der Menschheit als jenen, anderen in ihrem Leiden, ihren Gebrechen, so viel Unterstützung wie nur möglich zukommen zu lassen.

  2. Sie sprechen mir aus dem Herzen und aus meiner Seele! Ihr Kommentar berührt mich ganz tief . Danke dass Sie das in Worte gefasst haben was ich selber fühle und denke. Genau dieser Austausch hier bestättigt mir einmal mehr, wie tröstlich es ist zu wissen, dass man nicht alleine ist mit den schwierigen Erlebnissen und Erfahrungen die ich als betroffene Angehörige mache. Etwas in Worte fassen können/dürfen hat eine enorme bewusstwerdende und heilende Wirkung

  3. Als Angehöriger wünsche ich mir von der Psychiatrie
    – weniger Chemie, mehr Recovery
    – weniger Bürokratie, mehr Empathie
    – weniger arrogante Wissenschaftlichkeit, mehr Menschlichkeit
    – weniger Optimierung, mehr Beziehung

    Das alles wäre leicht zu haben, wenn die so genannten Fachleute den Menschen als Person und nicht nur als Träger einer Krankheit behandeln würden.

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