Kategorie-Archiv: Arbeitswelt

Die Kanadier machen es uns vor…

Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz ist in der Schweiz immer noch ein relativ neues Thema. Dies ist nicht überall so. In Kanada entwickelte die Regierung zusammen mit dem Arbeitgeberverband und der Simon Fraser Universität in Vancouver vor 25 Jahren ein Programm, das heute immer noch als das Innovativste gilt: „Guarding Minds“.

Guarding Minds ist ein Wortspiel: einerseits bedeutet es „auf die Psyche acht geben am Arbeitsplatz“, andererseits bedeutet es „wachsame Köpfe am Arbeitsplatz“, die auf die Gesundheit der anderen achten. Dieses Doppelspiel illustriert schön, dass wir auf unsere eigene Gesundheit achten müssen, aber auch auf die der andern – und dies gilt für alle, nicht nur für Vorgesetzte.

Die Kanadier haben 13 relevante Faktoren erarbeitet, die psychische Gesundheit erfassen. Vertieft man sich in diese 13 Faktoren merkt man schnell, dass es scheinbar keine signifikanten Unterschiede zwischen Kanada und der Schweiz in diesem Bereich gibt. Die wesentlichen Faktoren haben viel mit dem Arbeitsklima zu tun. Ein von Angst geprägtes Arbeitsklima scheint sehr ungesund zu sein. Ein angstarmes Klima hingegen erhält oder schafft Gesundheit. Das Schöne an den Faktoren ist, dass sie von jedem von uns mitbeeinflusst werden. Vorgesetzte haben einen Einfluss auf das Arbeitsklima, die Teamkollegen aber auch. Der wichtigste Faktor hat übrigens alle überrascht: Die Stigmatisierung. Ob in einem Betrieb über psychische Gesundheit gesprochen wird und ob diffamierende Sprüche über psychisch Erkrankte zugelassen werden, ist matchentscheidend.

Einige Betriebe in der Schweiz sind bereits in der Umsetzung von Konzepten psychischer Gesundheitsförderung. So auch die Swisscom und die Migros, welche eng mit der Pro Mente Sana zusammenarbeiten. Möglichkeiten Mitarbeitende zu informieren und zu sensibilisieren gibt es Viele: Workshops unter Einbezug von Peers (Menschen mit persönlicher psychischer Erfahrung) sind dabei besonders wirksam. Denn die Begegnung mit Menschen, die authentisch über Erlebtes erzählen, haben eine hohe Glaubwürdigkeit. Zudem werden Webinare und interaktive Workshops durchgeführt. Wir passen das Angebot den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Betriebe an. Hauptsache ein Unternehmen ist bereit und hat den Mut, sich dem Thema zu stellen. Den richtigen Weg dazu finden wir im gemeinsamen Gespräch.

Hinweis: Mehr über „Guarding Minds“ finden Sie im Buch: „Wenn die Psyche streikt“.

Blogger: Dr. med. Thomas Ihde-Scholl

Gleich und Anders – besonders in der Arbeitswelt

Der Verlust der Arbeitsstelle ist für Menschen mit einer psychischen Krankheit oft eine grosse Zäsur im Leben. Sie erleben ihn wie die Fahrt mit dem Fahrstuhl ins Kellergeschoss.

Arbeit ist wichtig für unsere Gesundheit, unsere Identität und vor allem für unseren Selbstwert. Eine sinnstiftende Aufgabe zu haben, erachten die meisten Menschen als eines ihrer wichtigsten Ziele, auch oder insbesondere Menschen mit einer psychischen Belastung. Wieder eine Aufgabe übernehmen können, in eine Berufsrolle schlüpfen zu können, ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Gesundung – nicht auf dem Weg zur Symptomfreiheit, aber auf dem Weg dahin, dass das Leben nicht mehr nur aus Krankheit besteht.

Es gibt zum Glück unzählige Beispiele von Menschen, die diesen Weg gegangen sind, die mit einer psychischen Belastung am Arbeitsplatz bleiben konnten, oder denen ein Wiedereinstieg gelungen ist. Da aber leider gerade am Arbeitsplatz psychische Belastungen immer noch ein Tabu-Thema sind, erfahren wir nichts von diesen Erfolgsgeschichten. Dabei wissen wir: Es ist der persönliche Kontakt mit Menschen, die wieder gesundet sind, die noch oder wieder am Arbeitsplatz sind, die Vorurteile abbauen können; und zwar nachhaltig. Deshalb sind Filme wie „Gleich und Anders: Wenn die Psyche uns fordert“ so wichtig. Der Film zeigt Menschen, die sich auf diesen Weg begeben haben, oft einen verschlungenen Weg mit Stolpersteinen, aber einen, den es sich lohnt zu begehen und zwar für alle Beteiligten. Pro Mente Sana hat sich an der Realisierung des Films finanziell und inhaltlich beteiligt. Und das Ergebnis ist eine berührende Sammlung von unterschiedlichen Menschen mit ihren Erfahrungen. Bewundernswert für ihren Mut, sich ihrem oft schwierigen Alltag zu stellen und uns daran teilhaben zu lassen.

Ab heute bis zum Kongress in Basel, publizieren wir wöchentlich eine_n der Porträtierten in Kurzfilmen auf unserer Webseite. Dies wurde möglich Dank dem Engagement des Filmers Jürg Neuenschwander, dem es gelungen ist, aus dem vielen „Restmaterial“ seines Films „Gleich und Anders“ eindrückliche Zusammenschnitte aufzubereiten. Geeignet für Schulungen und die Sensibilisierungsarbeit. Er leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Entstigmatisierung des Themas Psychische Krankheit in der Arbeitswelt. Lassen wir uns von diesem Mut und dieser Offenheit anstecken!

Blogger: Dr. Thomas Ihde-Scholl


Kurzporträts aus dem Film „Gleich und Anders“
Portrait_Kaiser
Portrait_Plaschy
Portrait_Züricher